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Abschiedsbrief an meine Waage

Liebe Waage,

 

es ist Zeit, mich von dir zu verabschieden. Mir laufen die Tränen an den Wangen runter während ich diese Worte schreibe. Zeit meines Lebens hast du mich begleitet. Letztes Jahr habe ich es vier Monate ohne dich ausgehalten, dann „brauchte“ ich dich wieder.

 

Nur wozu?

Es war die Kontrolle, die dich und auch mich gefangen hielt.

Die vermeintliche Sicherheit, die mein Verstand brauchte.

Ein Machtinstrument, womit ich Aufmerksamkeit bekam.

 

Heute weiß ich, dass ich einen Körper habe, aber nicht mein Körper bin. Genauso weiß ich, dass ich so ausreiche, egal mit welchem Gewicht. Ich weiß, dass meine Seele gesund ist. Und obwohl ich das alles weiß, fühle ich es nicht. Schon mehr als vor 10 Jahren, aber immer noch nicht ganz. Manche Dinge brauchen eben Zeit.

 

Es gab mehrere Situationen, wo ich mich auf die Waage stellen musste, um zu beweisen, dass ich nicht zugenommen hatte. Das war natürlich gelogen. Natürlich hatte ich zugenommen. Jedes Mal. Immer wieder fühlte ich mich schuldig. Weil ich andere anlog. Weil ich andere ent-täuschte. Heute weiß ich, dass ich nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bin, aber es war lange Zeit anders. Mich schuldig fühlen, weil andere enttäuscht, wütend oder traurig sind. Das Muster wiederholt sich heute noch öfter, wenn auch ganz anders.

 

Auch das möchte ich gehen lassen, indem ich dich weggebe.

 

Ich muss auch ehrlich sein: Hab keine Ahnung, wie es ohne dich ist. In den letzten Tagen habe ich bereits mehreres getan, womit ich Kontrolle abgebe. Ganz bewusst. Weil ich merke, dass es an der Zeit ist, sie gehen zu lassen. Schritt für Schritt. Denn sie macht mich nicht glücklich.

 

Habe mich auch schon oft gefragt, wieso ich dich so lange gebraucht habe. Wenn ich ehrlich bin, gibt es zwei Gründe: Falls ich abnehme, will ich anderen sagen können, wieviele Kilos es sind. Bekloppt oder? Und der zweite Grund: Ich bzw. mein Verstand wollte den Überblick behalten. Sicherheit. Es war wie ein Gerüst, an dem ich mich entlang hangeln konnte.

Was für ein Nonsens!
Sicherheit gibt es keine.
Für nichts.
Das einzig Sichere ist die Veränderung.
Und sicher ist auch, dass ich nichts mitnehme, wenn ich diesen Planeten verlasse und weiterfliege.

 

Liebe Waage, ich kann jetzt gerade lachen, nachdem ich bemerke, was ich mit mir selbst veranstaltete und wieviel Bedeutung ich dir oft gegeben habe.

 

Du darfst nun gehen.

Ich entlasse dich in die Freiheit.

Und mich damit auch.

Ich benötige dich nicht mehr.

Die Kontrolle übers Gewicht darf gehen.

 

Ich fühle mich gerade ein bisschen als wenn ich aufgebe.

Als wenn ich meine Schwerter niederlege.

Ich beende den Kampf.

Ja, ich gebe auf.

Ich drehe mich um und verlasse die Arena.

 

Eine Freundin kommt dich morgen abholen.

Ich überlasse ihr, was sie mit dir macht.

 

Mach es gut und danke, dass du da warst – ich weiß, dass du nur deinen Job gemacht hast.

Aber deine Aufgabe ist nun erfüllt.

 

Kerstin

 

 

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Kommentare: 9
  • #1

    Erika Auberger (Montag, 25 Februar 2019 21:54)

    Super Kerstin ❤❤❤ Du braust die Waage nicht ❣Du bist gut und wertvoll genau so wie Du bist❤❤❤Herzlichst, Erika

  • #2

    baumgartl elke (Dienstag, 26 Februar 2019 06:05)

    liebe kerstin <3 das sollten wir alle tun , schön das du dein erleben mit uns teilst <3

  • #3

    Heidi (Dienstag, 26 Februar 2019 07:20)

    Liebe Kerstin! Bei mir ist gerade das selbe Thema präsent. Hab meine Waage auch weggeräumt und lasse mich nicht mehr kontrollieren. Super geschrieben, du sprichst mir aus der Seele. Alles Liebe dir!

  • #4

    Anne Powers (Dienstag, 26 Februar 2019 07:35)

    Das ist eine tolle Entscheidung...du wirst dich befreit fühlen. Ich habe auch etwas <Übergewicht, wiege mich so gut wie nie. Wenn ich mal merke, dass die Klamotten lockerer sitzen, freue ich mich... aber die Waage zur Kontrolle.... nein!
    Aber die Anspielungen bzgl. Figur kenne ich auch. Ich war such nie gut genug und meine Mutter hat mich oft bloß gestellt. Erst gestern meinte sie (sie ist 89), ich müsste mal "hintenrum" abnehmen. Sie selbst wiegt <ber 100 kg. Ich verließ das Zimmer mit einem schlechten Gefühl.... einfach ätzend.

  • #5

    Susanne Arendt (Dienstag, 26 Februar 2019 18:08)

    Ja, liebe Kerstin, wie schön ... dein Text berührt mich sehr und kommt grad zur rechten Zeit. Die Kontrolle aufgeben ... das versuche ich auch und obwohl sich der Gedanke nach Freiheit anfühlt habe ich derzeit noch große Angst davor.
    Danke für deine Inspiration.

  • #6

    Christine (Mittwoch, 27 Februar 2019 19:53)

    Liebe Kerstin,
    Ich habe vor ein paar Tagen das selbe für mich entschieden und zwar weil ich mich davon befreien möchte kontrolliert zu werden...nach Jahrzehnten nicht einfach der Schritt, wenn es das Leben beherrscht hat. Lg Christine

  • #7

    Monika van Bellinghoven (Samstag, 23 März 2019 10:04)

    Liebe Kerstin, ich finde auch, man soll sich nicht zu sehr unter Druck setzen und kontrollieren lassen. Bleib so wie du bist, denn genauso mögen wir dich.
    Ich liebe mich auch wie ich bin und werde nichts daran ändern.
    Ganz liebe Grüße von mir zu dir.�

  • #8

    Elfriede (Dienstag, 16 April 2019 14:13)

    Liebe Kerstin,vielen Dank für deinen für mich sehr berührenden Beitrag.
    Ich wünsche dir und all den Menschen denen es ähnlich geht ganz viele liebende ,hilfreiche,ehrliche ,unterstützende ,verständnisvolle Seelen die helfen das wirklich wichtige zu spüren ,zu lieben ,zu leben,und das in jeder Sekunde unseren Daseins.

  • #9

    Anita Friedel (Dienstag, 16 April 2019 22:20)

    Liebe Kerstin finde ich toll, dass Du den Entschluss gefasst hast. Ich habe mich schon vor mehreren Jahren von meiner Waage verabschiedet und fühle in meinen Körper hinein und der sagt mir dann immer wieder, wann es mal wieder Zeit ist die Süssigkeiten abends wegzulassen bzw. spät. der Hosenbund meldet sich :):)
    Ich wünsche allen diesen Mut ohne Waage zu leben warum sollte man sich von einem Gegenstand das Leben schwer machen lassen. Ich wünsche allen Lesern eine wunderschöne Karwoche und ein schönes Osterfest. Geniesst es mit lieben Menschen an Eurer Seite die an Euch glauben und geniesst das wunderbare Essen.
    Anita