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Der Tod ist auch eine Lösung

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Lass dich berühren ...

 

Alfred war erst sechzig Jahre alt, aber sein gesundheitlicher Zustand war schlecht. Die Geschwister Agnes und Karla fanden ihn in seiner Wohnung, nachdem die Nachbarn ihnen Bescheid gesagt hatten, weil sie ihn tagelang nicht sahen und er auf ein Klingeln nicht reagierte. Er lag total abgemagert und heruntergekommen im Bett. Berge von ungeöffneten Rechnungen häuften sich auf dem Küchentisch. Er vegetierte vor sich hin. Die Schwestern überlegten lange, was sie tun sollen und entschieden nach längerem Hin und Her, ihren Bruder in einem Pflegeheim unterzubringen. Sie wechselten sich mit den Besuchen ab. Es gab nur einen Unterschied zwischen den beiden: Wenn Agnes aus dem Heim kam, schimpfte sie über ihren Bruder. Er sei so stur, aggressiv und laut. Bei Karla war das anders. Sie hatte Zugang zu ihm und konnte ruhige Gespräche mit ihm führen. Es waren friedvolle Begegnungen, die anscheinend auch Alfred guttaten. Die Geschwister sprachen manchmal darüber, machten sich aber wenig Gedanken. Bis zu einem Tag, an dem sie gemeinsam zu ihrem Bruder fuhren.

 

Alfred lag wie immer im Bett, als sie ankamen. Agnes hielt sich zurück, die meiste Zeit sprach er mit Karla. Nach einer Stunde verabschiedeten sie sich ohne Streit und Aggressivität, wie Agnes es gewohnt war. Auf dem Rückweg musste sie ihre Schwester ansprechen: „Sag mal Karla, ich habe jetzt nicht schlecht gestaunt, als du dich mit Alfred unterhalten hast. Du gabst ihm ja gar keine Möglichkeit des Angriffs.“

„Wie meinst du das?“, wollte Karla wissen.

„Als er zum Beispiel sagte, dass es doof ist, den ganzen Tag im Bett zu liegen, hätte ich ganz anders reagiert. Ich hätte ihn ermuntert aufzustehen, vielleicht mal ein paar Schritte raus in die Sonne zu gehen oder sonst was zu tun, um aus dieser Lethargie herauszukommen.“

„Bist du dir denn sicher, dass er das will?“

Agnes stimmte die Frage nachdenklich. Dann meinte sie: „Ich weiß es nicht. Aber es würde ihn für den Moment aus seinem Jammerzustand rausholen. Oder was glaubst du?“

„Weißt du, Agnes. Was auch immer ich für meinen Bruder möchte, muss nicht das sein, was er will. Nicht für alle Menschen, die krank sind, ist Gesundheit die Lösung. Manche haben sich innerlich fürs Sterben entschieden. Weil sie nicht mehr kämpfen wollen. Weil das Leben zu anstrengend scheint. Und so hart es auch klingen mag, aber ich glaube, dass das bei Alfred der Fall ist. Wieso sollte ich also ständig versuchen, ihn für etwas zu mobilisieren, was gegen seinen Willen geht?“

„Puh, das muss ich jetzt mal sacken lassen. Ich will ihm doch nur helfen.“

„Bei allem, was an Unterstützungsmöglichkeiten angeboten wird, gibt es in meinen Augen etwas, was mit nichts zu ersetzen ist. Die Annahme des Menschen. So, wie er in dem Moment ist. Egal, wie falsch sich sein Verhalten für dich anfühlt, wir sind alle anders. Es ist in meinen Augen die größte Herausforderung unseres Lebens, den anderen im Anderssein zu akzeptieren. Und somit ist die größte Hilfe schlicht und ergreifend Liebe. Punkt. Aus. Ende. Einfach nur bedingungslose Liebe. Alfred ist gut so, wie er ist. Auch wenn er sich entschieden hat, von dieser Welt zu gehen. Lass ihn los. Du wirst ihn nicht festhalten können. Reiche ihm deine Hand. Sei für ihn da. Wenn er merkt, dass du nichts von ihm forderst, sondern ihn sein lässt, wirst du ihm näher kommen, als es dir je zuvor möglich war.“

In diesem Moment rollten Agnes die Tränen über die Wangen. Sie schluckte und entgegnete leise seufzend: „Den Tod als Lösung zu akzeptieren, ist nicht leicht. Weder für mich selbst noch für andere.“

„Wir werden alle sterben. Wir streifen unsere Hülle ab und unsere Seele zieht weiter. Je früher wir diesen Gedanken in unser Leben lassen, desto leichter lässt es sich leben. Weil wir uns aus Abhängigkeiten lösen und den anderen loslassen können. Wir wollen nicht mehr rechthaben und zetteln keine Kriege an. Ich glaube, es ist so: Wenn wir uns mit dem Tod auseinandersetzen, begegnen wir dem Leben und wenn wir uns mit dem Leben auseinandersetzen, begegnen wir dem Tod. Lass dich darauf ein. Der Tod ansich ist nichts Schlimmes.“ 

 

Diese Geschichte ist aus meinem Buch "Echt sein ist in".


Alles Liebe
Kerstin

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Kommentare: 4
  • #1

    Maria Korres (Donnerstag, 31 Mai 2018 17:45)

    Wow So habe ich es auch noch nicht gesehen. Es stimmt mich nachdenklich. Vielen Dank

  • #2

    Renate Dill (Donnerstag, 31 Mai 2018 19:21)

    Vielen Dank für die zum Nachdenken anregende Geschichte. Oft ist es so, dass wir uns das Leben anderer so ausmalen, wie wir es für uns selber wünschen. Und da gehört der Tod meist nicht dazu.

  • #3

    Gabriele Welzhofer (Freitag, 01 Juni 2018 10:44)

    Sehr schön geschrieben!

  • #4

    Annegret (Sonntag, 03 Juni 2018 14:54)

    Ein schöner Text ... Mein Vater ist vor 4 Wochen gestorben - und er konnte zum Schluss auch nicht mehr - er hat zwar immer noch gekämpft - weil er immer gekämpft hat - aber ich war für ihn froh, als er es "geschafft" hatte - und er kein Leid mehr ertragen musste ...

    Für ihn war es jetzt besser ... Er lag quasi 4 Tage mehr oder weniger im Koma - am ersten Tag war es noch schwer für mich - das zu akzeptieren, obwohl ich wusste, dass da nicht mehr viel Hoffnungen sind - am zweiten Tag schon leichter - und am 4. Tag war ich erleichtert, als der Arzt mich anrief ...

    Ich habe in den 4 Tagen häufiger darüber nachgedacht, was er jetzt gewollt hätte - was ich wollen würde in einer solchen Situation und ich habe über Sterbehilfe nachgedacht... Hilfe ist auf alle Fälle den Willen des Menschen zu achten... Deshalb ein toller Text